Fantasyautoren brauchen keine Recherche!

 

Ein Satz den ich zum ersten Mal während einem Autorenworkshop vor einigen Jahren gehört hab und der mir seitdem immer wieder begegnet. Jeder der Bücher schreibt oder viel liest, ist sich einig, dass es viel Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen braucht, um ein Buch vom ersten Ideenkeim zum fertigen Roman zu verwirklichen.  Dabei spielt das Genre keine Rolle. Warum sollte es also bei der Recherche und der Vorarbeit anders sein? Weil Fantasy und Science Fiction in einer nicht realen Weltkonstruktion spielt, ist die häufigste Antwort. 

 

Holger de Grandpair schreibt in seinem Ratgeber, Wie man einen Fantasy-Bestseller schreibt: Gerade „frei erfunden“ oder „fiktiv“ bedeutet gründliche Vorbereitung. Die Wahrheit ist, wer Fantasy und Science Fiktion schreibt, erfindet die  Welt vollkommen  neu. Zumindest die Welt seiner Figuren und dabei muss sie trotzdem der Logik folgen.  Ich habe mir im Lauf der Jahre einen eigenen Weltenbogen erarbeitet, der inzwischen über achtzig Punkte aufzählt. Aus Gesprächen mit anderen Autoren weiß ich, dass viele meiner Kollegen mit ähnlichen Listen arbeiten.  Um vielleicht ein bisschen Klarheit in diese falsche Vorstellung von der Arbeit eines Fantasyautors zu bringen, möchte ich hier kurz ein paar der Punkte vorstellen und erläutern.

 

 Angefangen vom ganz Großen – der Welt

  • Sonnensystem – beim Science Fiction schreiben ein wichtiger Punkt, denn der Autor sollte wissen, wo genau seine Geschichte spielt. Wer wie ich kein Astronom ist, muss sich hier in ein gewaltiges Wissensfeld einarbeiten, was viele Jahre dauern kann.  Hier ist Grundlagenwissen gefragt.  Wer nicht wenigstens ein bisschen nachvollziehen kann, was in den Weiten des Universums vor sich geht, dem fehlen später die Details, um sie im Manuskript einzubauen und Logikfehler sind unvermeidbar.
  • Planet – ja wie sieht sie denn nun aus diese neue Welt? Ist es ein erdähnlicher Planet, ein Wasserplanet, ein Gesteinsplanet, ein Wüstenplanet, ein Gasplanet oder gar ein Mond? Gibt es Kontinente, Meere und wie sieht es mit den Klimazonen aus?

Wer diese Punkte abgearbeitet hat, kommt unweigerlich zum nächste Punkt auf der Liste:

 Das Land

  • Der Name
  • Geographie und Geologie (Gebirge, Senken, Ebenen usw.)
  • Gewässer
  • Wie fühlt sich der Wind auf dieser Welt an? Welches Wetter herrscht?
  • Die Natur (Flora und Fauna), an Land, im Wasser und in der Luft.  Jetzt wird sich sicher der Eine oder Andere von euch denken „in der Luft?“ Ja, denn wer kennt nicht die berühmten Hallelujah-Berge von James Camerons „Pandora“.

Die Völker/Spezies

  • Aussehen (Kleidung, Lebensgewohnheiten, Wohnraum, Bildung, Sprache, Religion, Recht und Gesetz. Alles Unterpunkte, die erdacht, recherchiert und akribisch dokumentiert werden müssen)
  • Herrschaftsform/Regierungssystem (spätestens jetzt muss sich der Autor über Staatsformen und Regierungssysteme in unserer eigenen Welt informieren.)
  • Welche Art von Musik gibt es? Kunst, Feste und Feiertage.
  • Essen (Was der Autor nur weiß, wenn er genug Material im Punkt Flora und Fauna gesammelt hat.)

Das ist nur ein kleiner Teil der langen Liste, die ein Fantasy und Science Fiction Autor mit Leben füllen muss.  Dafür brauchen einige Autoren Jahre und am Ende umfasst das Material nicht selten mehrere dicke Ordner. Eine eigene, neue Welt ist entstanden und ein toller Nebeneffekt ist, dass man sich bei der vielen  Recherche Weiterbildet. Vielleicht sieht der Eine oder Andere skeptische Leser in Zukunft einen Fantasy oder Science Fictionroman mit dem Sammlerblick des Autors. Denn Sammler sind wir alle. Wissenssammler.

 

Eure  Emily

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