Der Weihnachtswunsch

Eine Kurzgeschichte zu

Medusas Fluch

 

 

Als ich Mutters Bibliothek betrat, füllte nur das Knistern des Kaminfeuers die Stille und Einsamkeit, welche, da war ich überzeugt, in dem riesigen Gewölbe, geboren worden waren. Hier gab es keine Geräusche, nichts und niemanden, der sie verursachen könnte, außer dem Kamin, der nur brannte, wenn ich es wollte.
Meine Mutter mied diesen Ort, sie kam nur her, weil ich hier war. Ich liebte dagegen alles daran. Den Duft nach trockenem verstaubtem Papier, Druckerschwärze und Leder. Die bunten Farben der Buchrücken, die im matten Lichtschein der Kronleuchter, wie nachtblühende Dolden leuchteten, lockten mich stets in den unzähligen Reihen der dunklen Holzregale zu stöbern. Die meisten Flächen der Galerien waren mit rotem Samtteppich ausgelegt. Er verschluckte jedes Geräusch, das meine nackten Füße auf dem Boden verursachen könnten. Alles hier, war darauf ausgerichtet keine Aufmerksamkeit zu erregen, als wollte Mutter, das die Bibliothek uns allein durch die Ruhe, die hier herrschte, abschreckte. Götter liebten den Trubel, die Gesellschaft anderer, solange diese unverfänglich war und das Feiern. Jeden Abend fand irgendwo eine Party statt. Sie tanzten, sie tranken und lachten immer über dieselben Witze. Wie Holzpuppen. Wie Statisten. Sie spielten ihre Rolle bis zum bitteren Ende. Sie waren beisammen und doch einsam. Es war kein wirkliches Miteinander, nur ein Nebeneinander. Sie sahen die Wahrheit nicht, weil meine Mutter ihnen vorgaukelte, dass es gut so war.
»Wir sind keine Menschen. Wir sind besser«, hatte sie mir vor Jahren erklärt, als ich sie gefragt hatte, warum wir stets nur an der Oberfläche kratzten. Warum wir niemals Nähe, wirkliche Intimität zuließen. Was für ein Selbstbetrug! Wenigstens für die kommende Nacht wollte ich das ändern.
Seufzend blieb ich unter dem größten Kronleuchter stehen und ließ den dicken Stamm des Tannenbaumes fallen. An meinen Handflächen klebte Harz und verbreitete einen angenehmen Duft nach Wald. Auf den vier ausladenden Ringen des Leuchters über mir saßen vierhundert Kerzen. Hundert auf jedem. Ihre Flammen flackerten nicht, sie rauchten nicht und brannten niemals ab. Alles in dieser Welt war von Magie durchdrungen. Nichts war wirklich echt, auch der Tannenbaum nicht, den ich aus dem Hain hergeschleppt und ohne magische Hilfe mit einer Axt, gefällt hatte. Eine dicke Schneeschicht bedeckte seit letzter Nacht die Blüten von Mutters Rosengarten. Ich hatte im Schutz der Dunkelheit aus bauchig, schweren Regentropfen Schneeflocken wachsen lassen. Gaia war seit zwei Tagen bei Hades in der Unterwelt und würde nicht vor morgen zurückkehren. Genug Zeit für mich, um mein Vorhaben ohne ihr Wissen umzusetzen. Selbst Mutter sah nicht, was wir taten, wenn sie in Abyssus war.
Die Zweige der Tanne hatten eine tiefe Spur im Schnee hinterlassen, während ich sie hinter mir hergezogen hatte. Mein bester Freund Farin hatte mir Baumkugeln in Weiß, Silber und Blau bereitgelegt. Ich lief zu den mit Watte gefüllten Holzkisten, in denen fein säuberlich die Kugeln aufgereiht lagen und nahm eine in die Hand. Grazile Muster zogen sich über die glänzend, glatte Oberflächen, in der sich mein Gesicht im diffusen Licht der Galerie spiegelte. Sie funkelten und glitzerten wie der Schnee draußen im Sonnenlicht. Farin würde später kommen und dafür sorgen, das meine Geschwister der Einladung, die ich ihnen heute Morgen gegeben hatte, auch folgten. Einmal, nur ein einziges Mal wollte ich mit meiner Familie einen Weihnachtsabend verbringen, wie es die Menschen taten. Wüsste Mutter davon, würde sie es mir verbieten und mich wieder für unbestimmte Zeit im Zimmer einsperren. Das kam öfter vor und war mir inzwischen egal. Zumindest dieser Abend war es mir wert. Ich hatte ein Geschenk für jeden vorbereitet und hoffte, das sie mir meinen einzigen Wunsch erfüllten: Verbundenheit, nur eine Nacht lang. Das Risiko, das einer von ihnen meine Mutter holen oder ihr sagen würde, was ich in ihrer Abwesenheit geplant hatte, war groß. Ihr vor Wut gerötetes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich hörte ihre übliche Schimpftirade, die schon seit Jahren an der Mauer abprallte, die ich zum Schutz vor ihr errichtet hatte. Nein, sie vermieste mir diese Nacht nicht.
Lächelnd legte ich die Kugel zurück. Zuerst musste ich den Baum aufstellen und so sehr ich es mir auch wünschte, ohne Magie ging es nicht, weil ich allein war und mir die Kraft fehlte, die große Tanne in das Gestell zu heben. Eine lange Tafel und das Essen waren ebenfalls noch nicht vorhanden, aber zumindest dafür bekam ich Hilfe.
Stunden später stand der geschmückte Baum, nicht weit vom Kaminfeuer entfernt und unter dem Kronleuchter war der Tisch mit einer hellen Tischdecke, silbernen Tellern und weißen Rosengestecken aus Mutters Garten gedeckt. Bunt verpackte Geschenke lagen an der Tanne und es duftete nach Gewürzkuchen, Zimt und Gebäck.
Es war kalt geworden draußen, fühlen konnte ich den Frost nicht. Kein Gott tat das. Wir konnten stundenlang nackt und barfuß im Schnee stehen, ohne zu erfrieren. Kälte, Hitze, Schmerz. Nichts drang bis auf unsere Haut vor. Wir waren unsterblich. Es war kein Geheimnis, das ich gegen die Taubheit, die uns alle erfasst hatte, rebellierte. Ich sah nach oben zur gläsernen Kuppel, auf der nun ebenfalls eine dicke Schneeschicht lag. Diffuses Licht gelangte herein. Noch neigte sich der Tag nicht dem Ende zu. Was hieß, mir blieb Zeit, um das zu tun, was mich normalerweise in diese Bibliothek zog: Durch die Gänge und vielen Ebenen der Galerie wandern, immer auf der Suche, nach neuen Geschichten aus der Menschenwelt.
Meine Finger strichen über die Buchrücken, während ich mit geschlossenen Augen an ihnen vorüber ging. Ich wollte mich von ihren bunten Farben und wohlklingenden Titeln nicht verführen lassen. Einzig mein Gefühl sollte entscheiden, welches ich als Nächstes aus der Regalreihe nahm, in der manche seit Jahrhunderten unberührt und ungesehen schlummerten. Ich ließ mich vom flackernden Licht hinter meinen geschlossenen Lidern leiten. Alle paar Schritte hing ein Kerzenleuchter an den Wänden, an Treppenauf- und Abgängen standen Figuren aus Marmor. Meist geflügelte Pferde auf jeder Seite, vor deren Hufe eine große Kerze brannte. So verlief ich mich in den unzähligen Gängen selbst mit geschlossenen Augen niemals. Bis jetzt.
Was mich stutzen ließ, weiß ich nicht genau. Vielleicht der Übergang vom samtig weichen Teppichboden zu Holzdielen. Möglicherweise die Kühle, die ich zu fühlen glaubte, obwohl das nicht sein konnte. Vielleicht war es die Unbeständigkeit im Flackern der Kerzenflammen, welche in diesem Gang fast blau züngelten oder das Zucken in meinen Fingerspitzen, als diese über einen angerauten, breiten Buchrücken gestreift waren. Ich blieb augenblicklich stehen und riss die Augen auf. Meine Hand verharrte auf dem Buch, das unter meinen Fingern zu vibrieren schien. Neugierig zog ich es heraus. Ein dicker Wälzer mit einem Einband aus blauem Leder, das von oben nach unten hin ins Schwarz überging. Es stand weder ein Titel noch der Name des Autors darauf. Auch der Gang, in dem ich mich befand, war mir unbekannt. Dabei war ich bis jetzt überzeugt davon gewesen, dass ich alle Winkel in Mutters Bibliothek kannte. Die Leuchter an den Wänden zierten kleine Engels- und Dämonenfiguren. Warum war mir dieser Abschnitt vorher nie aufgefallen?
Schwer lag das Buch in meinen Händen. Ich drehte es und staunte immer mehr. Jede einzelne Seite war mit einem Silberrand eingefasst. Sie waren so dünn, dass ich beim Blättern Angst hatte, diese zu zerreißen. Die Schrift war alt. Die Sprache in der sie verfasst war noch älter und in einem seltsamen Dialekt aufgeschrieben, den ich kaum lesen konnte. Es gab keine Redeweise, die ich nicht verstand. Ich kannte sie alle und geriet zum ersten Mal an Grenzen, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, das sie existierten. Was immer darin stand, ich konnte nur einzelne Wortfetzen entziffern und die verwirrten mich mehr, als Klarheit zu verschaffen. Meine Neugier war geweckt. Kurzerhand beschloss ich, das Buch mitzunehmen. Nicht weit vom Kamin war eine kleine Bank, auf die ich mich setzte und zu lesen begann. Naja, ich versuchte es zumindest, bis mich ein Räuspern aus dem Erforschen der seltsamen Worte riss. Themis stand direkt neben mir. Ich hatte ihr Kommen nicht bemerkt. In dieser Bibliothek, die alle Geräusche verschluckte, als wären sie der Feind, war das kein Wunder. Doch wenigstens die Bewegung hätte ich wahrnehmen müssen und ich spürte sonst immer ihre Nähe.
»Themis, du bist früh!«, rief ich und sprang ertappt von der Bank.
Sie schürzte die Lippen. »Ich war neugierig, welche Art Überraschung du für uns geplant hast.« Themis sah sich um. Am Baum glommen Kerzen, die sich in den Christbaumkugeln spiegelten. Das Feuer im Kamin knisterte leise und meine Dienerin hatte bereits Getränke und mit Schokolade überzogenes Obst auf die Tafel gestellt. Wann war sie hier gewesen und warum hatte ich auch sie nicht wahrgenommen? »Das hast du also vor? Weihnachten mit der Familie?« Ihr Ton war so abfällig, dass mir der Mut sank. Themis war stets korrekt. Eine wahre Tochter Gaias. Sie handelte wie Mutter, manchmal glaubte ich, meine älteste Schwester war eine exakte Kopie unserer Mutter. Nur im Aussehen unterschieden sich die beiden Frauen. Sie öffnete den Mund, doch als ihr Blick das Buch in meiner Hand streifte, schluckte sie schwer und schloss ihn wieder. Themis sah mich an und lächelte milde. »Dein Drang es den Menschen gleich zu tun, bringt dir eines Tages sehr viel Ärger.« Mir schlug das Herz heftig gegen die Brust. Nicht weil ich Angst vor unserer Mutter und ihrer Strafe hatte, sondern davor, dass dieser Abend enden könnte, ehe er begonnen hatte.
»Du sagst ihr doch nichts, oder? Ich wünsche es mir so sehr und in dieser Nacht gehen doch Wünsche in Erfüllung.«
»Bei den Menschen vielleicht«, meinte sie. »Aber nur, weil die sich ihre Begierden selbst erfüllen. Auf der Erde gibt es keine Zauber.«
»Es gibt sie«, warf ich brüsker ein, als beabsichtigt. Ich lächelte Themis besänftigend an, in deren Augen sich eine bekannte Strenge geschlichen hatte. Ich war dabei zu verlieren. »Die Menschen haben Zauber, sie sind nur anders als unsere. Sie verstecken sich in besonderen Momenten und müssen nicht groß sein, aber voller Herz. Dieses Gefühl, wenn du zur richtigen Zeit, am rechten Ort bist und nirgendwo anders sein möchtest. Um nichts in der Welt. Kennst du das?« Meine Schwester schüttelte den Kopf. »Du kannst den Zauber in den Augen einer Mutter sehen, die zum ersten Mal ihr Neugeborenes im Arm hält«, sprach ich weiter. »In der Liebe zweier Menschen, die ja zueinander sagen. Oder im aufrichtigen Lachen eines Kindes hören, das am Weihnachtsabend die Geschenke unter dem Baum findet und dem Christkind ein lautes Dankeschön zuruft.«
»Mag sein.« Themis Blick bohrte sich in meinen. »Ich mache dir einen Vorschlag. Gib mir das Buch, das du so verbissen im Arm hältst. Ich verliere Mutter gegenüber kein Wort über diesen Abend und sorge dafür, das es auch sonst niemand tut. Im Gegenzug erzählst du ihr nicht, was du hier gefunden hast.« Meine Schwester hob eine Augenbraue und sah mich abwartend an. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich das Buch fest gegen die Brust gepresst festhielt. Sofort lockerte ich den Griff.
»Du weißt also was da drin steht? Ist es ein Buch der Menschen?«
Themis hob teilnahmslos die Schultern. »Nein, kein Buch der Menschen sieht so aus. Ich bin mir nicht sicher, was es ist. Wenn es das ist, was ich vermute, musst du jeden Gedanken daran vor Mutter unterbinden. Die Strafe dafür, dass du es aus dem Regal im verbotenen Teil der Bibliothek genommen hast, wird für dich schlimmer ausfallen, als für jeden anderen.« Fragend sah ich sie an und wischte mir nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Themis deutete mit dem Finger zur Galerie und den vielen Etagen in denen sich Buch an Buch reihte. »Sie wird alles hier drin zerstören. Diesen Ort wird es nicht mehr geben. Willst du das?«
Darüber musste ich nicht nachdenken. »Nein!«, rief ich aus. Panik ließ mein Herz schneller schlagen.
Sie nickte. »Dann sind wir uns einig.« Hastig reichte ich ihr das Buch und wischte die Handflächen am Kleid ab, als hätte ich etwas schmutziges gehalten.
»Das sind wir.«
Lächelnd fuhr sie einmal mit der Hand über das Buch, das sich im nächsten Augenblick auflöste und verschwunden war. Ich fragte nicht, wo sie es versteckte und wie sie das vor Mutter verbergen wollte. Vor Gaia, der Schöpferin aller Welten. Selbst wenn ich es gewollt hätte, mir fehlte die Zeit. Dumpf drangen die Stimmen und das Gelächter meiner Geschwister zu uns. Sie kamen!
»Dann lass uns Weihnachten feiern«, flüsterte Themis mir zu. Sie nahm mich in den Arm und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. Genau so, wie ich es mir von unserer Mutter wünschte. Themis war nicht Gaia, doch ihre Zuneigung wärmte dennoch und brachte Freude in mein Herz, wo sonst Kälte herrschte.
»Und was wünschst du dir in dieser Nacht?«, fragte sie mich.
»Mein Wunsch hat sich erfüllt.« Ich lächelte, als unsere Geschwister ins Licht des Kronleuchters traten, zuerst die Tafel staunend betrachteten und sich dann auf den Weihnachtsbaum stürzten, unter dem für jeden von ihnen ein Geschenk wartete. Eines, von dem ich wusste, das sie es sich von Herzen ersehnten, aber niemals offen aussprechen würden.
Der Abend war fast perfekt. Fast, weil unsere Eltern fehlten. Fast, weil wir ihn geheim halten mussten. Obwohl mein Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen war, hinderte mich eine seltsame Unruhe daran, richtige Freude zu empfinden. Dass sich an jenem Abend unser Schicksal und das aller Welten entscheiden sollte, ahnte ich nicht. Der Preis für diese schöne Illusion war zu hoch.

 

Wie es weitergeht, erfahrt ihr in meiner Buchreihe Medusas Fluch, die im Drachenmond Verlag erschienen ist.

Alles Liebe eure Emily

2 thoughts on “Der Weihnachtswunsch

  1. Hallo Emily, Danke für diese wundervolle Kurzgeschichte. Es ist alles so spannend, wird dieses Buch nochmal eine Rolle spielen. Ich freu mich jetzt auf Weihnachten, auch dank dieser Geschichte, hänge meine Kugeln mit einem Lächeln auf und freu mich auf 2019 mit Euch und den wunderbaren Geschichten aus dem Drachenmondverlag. Bin so gespannt wie es mit Medusa weiter geht, tolles Bild zur Geschichte. Dir und deiner Familie schöne Feiertage und einen guten Rutsch in 2019, drück Dich Dominique

    • Liebe Dominique, ich freue mich sehr das dir die Kurzgeschichte und die Reihe gefallen. Hab eine wundervolle Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Ich drück dich aus der Ferne.
      Alles Liebe,
      Emily

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